Erlebnisberichte

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Erlebnisse und Erfahrungen sind das Herzstück in den Trainings von Dr. Karin Schreiner. Die Beispiele veranschaulichen interkulturelle Situationen aus dem Businessalltag, Auslandsentsendungen, Kulturschock und Rückkehr in die Heimat.


Businessalltag

Frau Habib ist neu in der IT-Abteilung unseres Versicherungsunternehmens. Sie wurde eingestellt, weil sie langjährige Erfahrungen in der Branche hat. Ihre Deutschkenntnisse sind gut, aber gerade die Fachsprache macht ihr zu schaffen. Ihre Kollegen müssen mit ihr Englisch sprechen, was bei einigen nicht gut ankommt. Sie beklagen sich bei mir: „Frau Habib ist ja ok und macht ihre Arbeit sehr gut, aber sie spricht nicht gut Deutsch. Das führt zu Verzögerungen, weil wir ihr alles erst auf Englisch erklären müssen. Englisch ist aber auch nicht unsere Muttersprache. Wir tun uns da nicht so leicht.“
Ich machte ihnen einen Vorschlag: „Lassen wir einmal die deutsche Sprache beiseite. Sie wird sie mit der Zeit schon lernen. Fragen wir stattdessen: Was kann denn Frau Habib gut? Was kann sie, was ihr nicht könnt? Wie könnt ihr von eurer Kollegin profitieren?“ Mein Team bemühte sich sehr, meinem Rat zu folgen - mit Erfolg! 

Ja, wissen Sie, in meiner Kultur sagen wir immer „Ja“ und geben nicht zu, wenn wir etwas nicht verstanden haben. Am Anfang habe ich das hier im Unternehmen auch gemacht. Als ich neu war, wurde viel erklärt und ich sagte immer ja – aber einmal war es unangenehm, weil ich einen wesentlichen Punkt nicht verstanden hatte. Ich habe daraus gelernt. Seitdem sage ich immer gleich, wenn etwas für mich unklar ist. Ich habe mein Verhalten geändert. Und ich komme bei meinen Kollegen gut damit an.

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Kulturschock

Ankunft in New Delhi im Morgengrauen: Unerträgliche Hitze schlägt einen ins Gesicht und umfängt einen ganz und gar. Überall hocken oder stehen Menschen. Sie sehen anders aus, bewegen sich anders, reden anders und sind anders gekleidet, viele gehen barfuß. Ihre Gesichtsfarbe ist viel dunkler als in Europa. Am Straßenrand endlos Baracken oder Kartonhütten, in denen Familien leben. Viele schlafen auf dem Gehsteig. An den Straßenkreuzungen Bettler, verstümmelte Kinder, die Snacks verkaufen, alte Frauen mit leeren Blicken, armselig gekleidet. Überall Menschen, Lärm, Getümmel, lautes Hupen. Andere Gerüche, andere Geräusche. Eine völlig andere Welt.

 

Mein erster außer-europäischer Aufenthalt war Indien. Ich ging für drei Jahre nach New Delhi. Das Straßenbild unterscheidet sich heute noch sehr von europäischen Städten. Nicht nur die Vielzahl an unterschiedlichen Fortbewegungsmittel, auch die zahlreichen bettelnden Frauen und Männer, darunter auch Kinder, die oft auch in Kartonhäusern am Straßenrand leben, sind ein ungewohnter Anblick für Menschen aus Europa. Ich fuhr öfters mit meinen indischen Kollegen im Auto mit und beobachtete ihre Reaktionen, wenn wir an der Kreuzung anhielten und die Bettler mit bittenden Blicken und Gesten unser Auto umringten. Meine Kollegen würdigten sie keines Blickes. Es war, als wären sie für sie gar nicht da. Für meine indischen Kollegen waren diese Menschen Luft, da sie zu ihnen keinerlei Beziehung hatten. Ich jedoch empfand Mitleid für sie, sah aber keine Möglichkeit, mit einer kleinen Spende ihre Situation maßgeblich zu verändern. Solche Erlebnisse riefen Ratlosigkeit in mir hervor. Mir wurde mit einem Schlag bewusst, dass ich in einer abendländisch-christlichen Tradition stand, in der Nächstenliebe ein hoher Wert ist.


Rückkehr in die Heimat

Als wir nach 9 Jahren wieder nach Wien zurückkamen, fühlte ich mich wie eine Fremde in meinem eigenen Land. Es war ungewohnt für mich, nur mehr Deutsch zu sprechen. Ich wusste alltägliche Dinge nicht mehr, weil die sich geändert hatten, und musste nachfragen. Dabei kam ich mir aber komisch vor, denn ich war ja weder Touristin noch Ausländerin, aber dennoch stellte ich Fragen wie eine Ausländerin. Es kam häufig zu Situationen, in denen von mir ein anderes Verhalten erwartet wurde, das war sehr unangenehm. Ich war verunsichert. Es war genauso wie in einem fremden Land. Ich musste die alltäglichen Verhaltensweisen erst wieder lernen. 

 

Nach meiner Rückkehr in mein „Pass-Land“ hatte ich das Gefühl, irgendwie nicht dazu zu gehören. Ich bin im Grunde aufgeschlossener und offener als die anderen. Dauernd meckert irgendjemand über die Ausländer… Aber jetzt, nach einem halben Jahr, fühle ich mich ganz wohl hier. Mir fehlen aber immer noch meine alten Freunde.